NUR EIN WORT

Publié le par Rose

NUR EIN WORT

Draußen fällt Schnee. Die graue Herbstlandschaft wird rein, weiß, neu. Unzählige Schneeflöckchen geben sich ein Stelldichein. Ein Flöckchen zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich nehme Kontakt mit ihm auf. Ich folge ihm mit meinem Blick. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Ich möchte das Schneeflöckchen einfangen, es in der Hand halten und es wie ein Pelzchen streicheln, aber das klappt nicht. Es lässt sich nicht einfangen. Es ist schneller als meine Hand. Es legt sich zu den anderen auf die Erde. Ich kann es nicht mehr finden. Alles bildet eine Einheit. Die ganze Umgebung ist von denselben Schneeflöckchen überzogen. Stille breitet sich aus. Ich möchte die Stille zu mir holen. Sie ist draußen vor dem Fenster. Ich strecke die Hand aus. Sie lässt sich nicht einfangen. Ich kann sie sehen. Sie ist zwischen den Schneeflöckchen. Sie legt sich mit ihnen auf die Erde.

Die stürmische Herbstlandschaft beruhigt sich. Ich sehe ein anderes Schneeflöckchen. Dieses Mal strecke ich die Hand nicht aus. Ich fange es mit meinem Blick ein. Ich nehme es mit meinen Augen auf. Es sucht sich einen Platz in meiner Erinnerung. Ich bin sechs Jahre alt und presse meine Nase gegen die Fensterscheibe, um dem Schnee beim Fallen zuzusehen. Mein auserwähltes Schneeflöckchen tanzt vor meinen Augen hin und her. Ich kann die Hand nicht ausstrecken. Das Fenster ist zu. Ich kann es nicht vor der Landung retten. Es wird wie alle anderen auf der Erde ausstrecken und unsichtbar werden.

Ich sauge mein Schneeflöckchen mit den Augen auf. Ich atme es durch die Pupillen ein. Ich biete ihm in meinem Kopf Asyl. Ich bette es zwischen die Farbe Weiß und hülle es mit Stille ein. Dort lag es bis heute unberührt. Nun verschmilzt es mit dem eben eingefangenen Flöckchen. Es wird zur Erinnerung. Es ist ein Gedanke.

Es wird zum Wort.

Das Wort will Fleisch werden. Es will sich manifestieren. Ich möchte das Schneeflöckchen aus seinem Versteck entlassen. Ich spreche es aus. Ich schreibe es nieder, aber ich erkenne es nicht. Ich gebe es in den Computer ein. Ich drucke es aus. Eine bloße Ansammlung von Buchstaben. Ich versuche eine Wiederbelebung. Ich wende all meine Kenntnisse aus dem Erste-Hilfe-Kurs an. Nichts passiert. Die Buchstaben lassen sich nicht animieren. Es ist zu warm. Das Schneeflöckchen ist nur ein Wort. Ich schalte die Klimaanlage ein. Ich suche ein Foto, einen Film. Da ist es auf dem Bildschirm. Ich gehe zum Fenster. Ich möchte meine Hand ausstrecken, um mein Schneeflöckchen einzufangen. In meinem Kopf zappelt es. Zwischen der Farbe Weiß entsteht eine Stille. Keine Buchstaben. Kein Wort.

Ich werde auf den nächsten Winter warten. 

Draußen fällt Schnee. Die Schneeflocken bilden eine dichte Wand. Nichts zu sehen. Ich schließe die Augen. Das Auto überschlägt sich. Es legt sich zu den Schneeflocken auf die kalte Wintererde. Ich bette es in meinem Kopf zwischen Blutrot und Schneeweiß. Stille umhüllt das Ereignis. Ich sehe mich auf dem Friedhof von Grabstein zu Grabstein wandeln, bis ich meinen Namen finde. Eingemeißelt in weißen Marmor. Weiße Buchstaben auf weißem Grund.

Nur ein Wort.

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